Synopsis
Autor
Protagonistin
Mutter
Kameramann
Sie brennt beim Spielen

Vor mehr als einem Jahr habe ich erfahren, dass ein Dokumentarfilm über meine Tochter Alena gedreht werden sollte. Ich hatte unterschiedliche Gefühle: Stolz und Freude, aber auch Sorge und Angst.
Als das Datum der Dreharbeiten in Romny bekannt wurde, musste ich mich innerlich darauf vorbereiten, meine Tochter seit langer Zeit wieder einmal zu sehen und erst noch in einem Film mit dabei zu sein.

Am ersten Tag lernte ich die Filmcrew kennen und erlebte, wie der Flügel in die Musikschule gebracht wurde. Es war eine euphorische Stimmung, alle waren glücklich und mein Mann Nikolaj und ich hatten diese Gefühle übernommen. Ich staunte über den gut organisierten Empfang, als Alena mit dem Flügel ankam. Als ich im Saal zum ersten Mal das schwarze Instrument gesehen hatte, war ich sehr berührt.

Am nächsten Tag durften Nikolaj und ich beim Festakt dabei sein. Wir sahen die verschiedenen Darbietungen, hörten die Reden von Alena, der Direktorin und dem Vertreter der Stadtverwaltung. Es gab Gratulationen und Geschenke. Wir beide versuchten, nicht zu stark im Zentrum zu stehen und doch kamen viele Menschen auch zu uns und bedankten sich für das Geschenk meiner Tochter.
Ich verfolgte, wie Alena junge Menschen unterrichtete und selbst spielte. Seit Jahrzehnten habe ich sie nicht mehr spielen oder unterrichten gesehen. Ich lebte mit Alena mit, sog jede Bewegung, jedes ihrer Worte auf und war überwältigt von der Leidenschaft und der Kraft jedes Tones. In meiner Seele habe ich geweint, versank ganz in mein Inneres und konnte spüren, wie viel Ausdruck sie in die Musik legte, wie sie das Publikum verzauberte. In diesem Moment erinnerte ich mich an die Antwort eines russischen Testpiloten auf die Frage, was das Wichtigste für einen Menschen mit einem grossen Talent sei: "Leidenschaft und ein Leben, das brennt." In diesem Moment habe ich verstanden, dass das Talent Alena von Gott geschenkt wurde und es richtig war, dass ich sie unterstützt habe, ihr Leben voll und ganz der Musik zu widmen.

Einen Tag später drehte die Filmcrew auf dem Friedhof. Diese Szene ist nicht im Film. Alena ging im weissen Schnee den Gräbern entlang von der Kamera weg. Sie wurde immer kleiner, bis sie verschwand und ich sie nicht mehr sehen konnte. Es wurde mir schwindlig und ich verlor fast das Bewusstsein beim Gedanken, dass ich meine Tochter verlieren könnte.

Am nächsten Tag drehten sie bei uns zu Hause. Ich hätte mir gewünscht, dass die Kamera zeigt, wie ich dem Klavierspiel meiner Tochter lausche, wie ich mit ihr die Plakate ihrer Konzerte betrachte oder wie sie mir von den fremden Ländern erzählt, in denen sie aufgetreten war.

Stattdessen wurde ein Gespräch gefilmt, bei dem ich längst nicht alles erzählen und erklären konnte, das mir auf der Zunge lag. Ich musste mich kurz halten, fühlte mich gebremst, alles lief ganz anders ab, als ich es mir vorgestellt hatte. Doch ich verstehe den Regisseur. Wie kann man in ein paar Sätzen erzählen, was wir Eltern alles für Alena getan haben, wie wir sie während ihres ganzen Lebens unterstützt haben? Wir haben Alena nicht in ein Internat abgeschoben, sondern sie in eine der besten Schulen für begabte Kinder geschickt. In dieser Schule trotz der grossen Konkurrenz einen Platz zu finden, war für uns Eltern sehr schwer. Im Alter von 10 Jahren war Alena bereits der Stolz von ganz Romny.
Ich bin glücklich, dass alle unsere Mühen sich gelohnt haben und unsere Tochter eine wunderbare Pianistin geworden ist, die die Zuhörer glücklich macht. Einzig um Alenas Gesundheit sorge ich mich immer wieder.

Ich bin allen Leuten dankbar, die Alena in der Fremde auch in schwierigen Zeiten geholfen haben. Ich bin auch nach den Dreharbeiten sicher, dass ich für meine Tochter alles richtig gemacht habe und freue mich auf die Premiere des Films in Kiew.

Swetlana Petrenko