Synopsis
Autor
Protagonistin
Mutter
Kameramann
Musik ist Leben ist Musik

"Die schwarz-weissen Tasten, sie verraten mich nicht. Freunde gehen, Männer gehen, Kinder gehen auch – aber die Tasten bleiben." Diese und andere Worte Alena Chernys während der Dreharbeiten haben mir etwas vor Augen geführt: Sie kann ohne das Klavierspielen nicht überleben. Habe ich eine solche Leidenschaft, eine solche Konstante in meinem Leben? Nein.

Im Laufe der Reise in die Ukraine, zurück an die Orte ihrer Jugend und Kindheit, spüre ich mit grosser Dankbarkeit, dass Alena bereit ist, uns trotz Kamera in die verborgenen Ecken ihres bewegten Lebens blicken zu lassen, uns an ihren Gefühlen zu einem Land teilhaben zu lassen, das es, wie sie im Film sagt, so nicht mehr gibt.

Die Fahrt durch die Sperrzone rund um Tschernobyl zur unbewohnten Geisterstadt Pripyat ist von grosser Intensität. Die unsichtbare Radioaktivität schiebt sich energisch in die visuelle Realität, auf der Tonspur einfach nur Stille. Alenas Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe dringen an die Oberfläche, sie erinnert sich, wie das Militär in Kiev zuerst den Bahnhof absperrte, damit die Leute nicht fliehen konnten. "Und wir blieben, die Stadt war leer wie die Zone und kein Mensch." Sie erzählt, wie sie einige Jahre danach an Leukämie erkrankte und sie nur eines wusste: "Ich muss leben, ich darf mein kleines Kind in dieser Welt nicht alleine lassen."

Ihre Zeit in einem Musikinternat in Kiev, wo sie fern der Heimat als 9- jähriges Mädchen eintrat und 10 Jahre lang blieb, beschreibt Alena so: "Das Internat war eine Welt für sich. Ich musste sehr stark sein. Ich wurde von einem Tag auf den anderen erwachsen. Es war eine Mischung vom Schreck, allein zu sein und dem Zwang gut zu spielen." Als wir beim Drehen durch die Gänge des Internats gehen, spüre ich die Ambivalenz zwischen Ablehnung einer schmerzlichen Kindheitserfahrung und der Einsicht Alenas, dass das alles vielleicht nötig war.

Der intensivste Moment ist für mich der Besuch bei Alenas Eltern in ihrem Heimatdorf Romny, unweit der Grenze zu Russland. Das ausführliche Gespräch ist eine Mischung explosiver Emotionen. Schuldgefühle, die alten Eltern in der Heimat zurückgelassen zu haben, Vorwürfe, dass die Mutter Alena als kleines Mädchen in das 300 km entfernte Internat geschickt hatte, aber auch Dankbarkeit gegenüber den Eltern, die ihr durch diesen für beide Seiten schweren Schritt das Fenster in die Welt geöffnet hatten, und doch auch Unwilligkeit über den Ehrgeiz einer Mutter, die ja nur das Beste für ihr Kind will und schliesslich die grosse Liebe, die jedes Kind zu seinen Eltern spürt, führen am Schluss des Gesprächs zur Versöhnung. Wir bleiben als stille Teilhaber betroffen und gerührt zurück.

Es ist ein stiller Film geworden, voller Musik und versteckter Perlen, die uns Alena Cherny offenbart. Ich wünsche mir viele ZuschauerInnen, die sie im Kinosaal entdecken...

Christian Labhart, Regisseur