Autor
Produzent
Tonmeister
Manfred Papst (NZZ)
Alena Cherny stammt aus der kleinen Ortschaft Romny in der Ukraine; dort wurde sie 1967 als mittlere von drei Töchtern geboren. Ihr Vater war Lastwagenfahrer, ihre Mutter Lehrerin. Es war sie, die Mutter, die grossen Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder legte: Musik, Literatur und Ballett standen dabei im Zentrum. Damit ein Klavier angeschafft werden konnte, musste der Vater sein Motorrad verkaufen – ein schmerzliches Opfer, das sich aus heutiger Sicht aber zweifellos gelohnt hat, auch wenn die kleine Alena eigentlich lieber Schauspielerin werden wollte.

Die Mädchen wurden also gedrillt und erhielten eine solide Ausbildung. Entscheidend für Alena Chernys Wunsch, Pianistin zu werden, waren nach ihrem eigenen Bekunden jedoch ihre Besuche im Haus des russischen Musikschriftstellers Nikolai Baschanov, der in ihrer Nachbarschaft wohnte. Er war schon vor langer Zeit aufs Land gezogen, um Stalins Aufmerksamkeit zu entgehen, und vermittelte den neugierigen Kindern im Dorf etwas von seinem Wissen, zumal er ein Petrof-Klavier und auch eine Schallplattensammlung besass.

Das ausserordentliche Talent der kleinen Alena wurde rasch erkannt, obwohl sie als Kind anfangs Mühe hatte, den Klang der Töne mit den geschriebenen Noten in Zusammenhang zu bringen. Schon mit acht Jahren kam sie in eine strenge Internatsschule, in welcher die Mädchen zu zehnt einen Schlafraum teilten und in der eine geradezu militärische Disziplin herrschte. Mit dem Tag, da sie ins Internat kam, sagt Alena Cherny heute, endete ihre Kindheit. Spiel und Spass gab es nicht mehr. Ausser ihr waren an dieser Eliteschule fast ausschliesslich Kinder von Professoren und aus anderen gebildeten Familien, die ihr manches voraus hatten. So sah sie nur einen Ausweg: Sie musste sie alle überflügeln und die beste sein – was ihr auch alsbald gelang.

Alena Cherny absolvierte das Tschaikowsky-Konservatorium in Kiew mit höchsten Auszeichnungen. Dann riss der Eiserne Vorhang, und die junge Pianistin konnte ihre Laufbahn in Deutschland fortsetzen, namentlich in Freiburg im Breisgau bei James Avery, wo sie ihr Solistenstudium abschloss, und in Trossingen bei Michael Uhde, bei dem sie das Kammermusik- und Liedbegleitungsdiplom erwarb. Sie schloss alle ihre Prüfungen mit Bravour ab und nahm auch mit Erfolg an etlichen Wettbewerben teil. Einer von ihnen führte sie 1991 in die Westschweiz, und dort lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, den Wetziker Klavierbauer und – stimmer Urs Bachmann. Er unterstützte sie bald mit aller Kraft, indem er ihr Auftrittsmöglichkeiten verschaffte und Konzerte für sie organisierte. Fünf Jahre später, 1996, fuhr er mit dem Lastwagen nach Deutschland, lud die Frau samt ihrem Flügel ein und brachte sie mit ins Zürcher Oberland, wo sie zu unser aller Glück bis heute geblieben ist.

Alena Cherny ist eine Musikerin mit vielen Gesichtern. Da ist zum einen die Solistin, die höchste Ansprüche an sich selber stellt und auf der ganzen Welt auftritt, in Deutschland, Österreich, Italien, England, Israel, in den USA und Japan. Neben ihrer Konzerttätigkeit hat sie eine Reihe von höchst bemerkenswerten CDs eingespielt – mit Inventionen und Sinfonien von Bach, den sie als ihren Lieblingskomponisten bezeichnet, aber auch mit Werken der Romantik und der Moderne. Von Schumann bis Schostakowitsch und Hindemith reicht das Spektrum. Noch in diesem Jahr wird sie einmal mehr ins Studio gehen; diesmal, um Werke von Schubert, Brahms und Prokofieff einzuspielen, und zwar für das renommierte Label Sony-BMG.

Dass sie nicht nur glänzend spielen, sondern auch sehr gut zuhören kann, hat Alena Cherny in verschiedensten Konstellationen als Kammermusikerin bewiesen, beispielsweise als Partnerin von Gidon Kremer, Cérard Caussé, Maria Kliegel, Thomas Demenga, Christoph Homberger und Peter Saldo. Auch mit Matthias Ziegler, Sol Gabetta, Christoph Keller und dem Collegium Novum hat sie schon intensiv musiziert; besondere Erwähnung verdient zudem ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Klarinettisten Fabio di Càsola.

So wichtig ihre künstlerische Tätigkeit als Virtuosin auf dem Gebiet der klassischen Musik ist, so ist sie doch nur eine Seite der Musikerin Alena Cherny. Sie ist nämlich auch eine Musikpädagogin, die junge wie erwachsene Schülerinnen und Schüler zu begeistern weiss. Gerade weil sie selbst mit so viel Strenge erzogen wurde, setzt sie dabei auf spielerische Formen des Lernens. Ihre Zöglinge sollen nicht nur eine gute Technik erwerben – das freilich auch -, sondern auch Freude an der Musik bekommen. Sie sollen Gelegenheit erhalten, vor Publikum zu spielen, sei es auf der Strasse, sei es im Einkaufszentrum, auch wenn sie noch kein Andras Schiff und keine Martha Argerich sind. Und sie sollen auch lernen, was es heisst, im Duo, im Trio, im Quartett zu musizieren. Zu diesem Zweck vernetzt Alena Cherny die jungen Musiker und stellt gern neue Formationen zusammen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Alena Cherny Kindern, die von Haus aus nicht die musikalische Förderung erhalten, die sie verdienen würden. Dabei kann es sich um Kinder aus der Ukraine, aber auch um solche aus der Schweiz handeln. Sie werden im Rahmen der von Heinrich Siegrist gegründeten, in Uster ansässigen Stiftung zur musikalischen Förderung tatkräftig unterstützt. Alena Cherny beherbergt diese Kinder, sie übt mit ihnen, sie kocht für sie – und sie hat ihnen auch schon viele Instrumente vermittelt. Oft können oder wollen etwa Leute, die ins Altersheim gehen, ihr Klavier verschenken; Alena Cherny schaut dann, dass es an einen geeigneten Ort kommt.

Damit ist die Beschreibung von Alena Chernys Tätigkeiten noch immer nicht vollständig. Sie leitet nämlich auch Meisterkurse, berät Institutionen, Veranstalter und Stiftungen in künstlerischer Hinsicht.

"Wetzikon ist mein Zuhause", sagt Alena Cherny heute, und mit ihrem vielfältigen Engagement hat sie bewiesen, dass das nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.

Das Besondere an unserer Preisträgerin ist, dass sie die grossen Talente, die sie besitzt, grosszügig verschenkt, und dass sie sich durch das Verschenken vermehren. Alena Cherny ist ein Mensch, der als Künstlerin keine Kompromisse macht, sich aber doch eine Herzlichkeit, eine Offenheit und einen Humor bewahrt hat, die anderen Meistern ihres Fach leicht abhanden kommen.

Künstler sind oft keine sehr sozialen Wesen. Es ist daher ein grosses Glück, wenn ein Mensch sein Talent nicht nur dazu einsetzt, um seine eigenen ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen, sondern wenn er auch bestrebt ist, aus dem Reichtum seiner Kreativität etwas für das Gemeinwohl zu tun. Es ist diese Mischung aus hohem künstlerischem Anspruch und tätiger Zuwendung, der uns besonders beeindruckt hat, und dafür zeichnen wir Alena Cherny heute mit dem Chapeau Wetzikon 2007 aus.