Autor
Produzent
Tonmeister
Manfred Papst (NZZ)
November 2009. An einer Feier in der Aula der Kantonsschule erhalte ich den Kulturpreis Wetzikon für mein aktuelles filmisches Schaffen. Nach der Übergabe des Preises komme ich mit Alena Cherny, Pianistin und Preisträgerin 2007, ins Gespräch. Sie erzählt mir von ihrer Filmidee: Sie möchte der Musikschule ihres Heimatdorfes in der Ukraine einen neuen Flügel schenken – in Dankbarkeit gegenüber dem Ort, wo sie mit 6 Jahren als Wunderkind ihre ersten pianistischen Schritte machen durfte, aber auch, um die Erinnerungen an ihre verlorene Kindheit abzuschliessen. Im Laufe des kurzen Gesprächs merke ich, dass ich von ihr als Mensch fasziniert bin: direkt, unabhängig, frech und lebendig, ohne Starallüren. Ihre Idee interessiert mich - und doch verschwindet sie für einige Monate aus meinem Bewusstsein...

Nach einem halben Jahr besuche ich Alena Cherny zum ersten Mal in ihrem Haus, einer Fabrikantenvilla in Wetzikon. Als ich das spärlich beleuchtete Treppenhauses hinaufsteige, erhasche ich einige Blicke in dunkle Zimmer, alle mit antiken Möbeln eingerichtet. Es ist wie im Museum oder in einem Film Viscontis, eine Mischung aus geheimnisvoll, verstaubt, einsam und geborgen. Ich steige zu ihrem Reich im grossen Dachraum empor. Eine Welt, die stehen geblieben scheint und doch sehr wohl lebt durch die Person Alena Chernys. Draussen donnert der Verkehr Richtung Metropole. Es wird ein intensives Gespräch, mit einer ungemein gebildeten, vielseitigen und radikalen Künstlerin.

In den nächsten Wochen tauche ich immer wieder in das Reich der Alena Cherny ein, wo sie alleine lebt, verheiratet mit einem Mann, der nie zu Hause ist. Im Laufe der Besuche, wo sie mir auch auf ihrem Flügel vorspielt oder mir ihre wichtigsten musikalischen Werke auf CD zeigt und diese dabei kommentiert, dringe ich mehr und mehr ins Hauptthema vor: Keine Präsentation eines Stares, der sie zweifellos ist, sondern die Auseinandersetzung mit einer Frau, deren Einsamkeit durch die Musik erträglich wird.

Eines Abends, Alena Cherny erzählt mir von ihrer Liebe zu Schostakowitsch, unterbricht sie ihre Worte, schaut mich einen Moment eindringlich an und fragt: "Kannst du schreien?" Irritiert von ihrer Frage antworte ich: "Ja." "Also, schrei mal!" Ich schreie. "Super", lautet ihre Antwort, worauf auch sie schreit, einiges lauter und eindringlicher als ich. Es scheint, dass der Schrei in ihrem Leben einen wichtigen Platz einnimmt. "Ich kann nur mit Menschen zusammen arbeiten, die schreien können", sagte sie mir beim Abschied. Ich hatte die Prüfung bestanden. Auf dem Heimweg entstand der Film in meinem Kopf in einer Klarheit, wie ich es nie zuvor erlebte. Ich begann zu schreiben...

Christian Labhart